D A O - A R T I K E L

DAO 6/96

Was haben Indianer und Tibeter gemeinsam?

Immer wieder ist von angeblichen Parallelen zwischen Tibetern und nordamerikanischen Indianern die Rede. Muß man dies entrüstet ablehnen, oder gibt es tatsächlich eine Verwandtschaft zwischen diesen beiden Kulturen? Claudia Müller-Ebeling ging dieser Frage nach und sprach darüber mit dem deutschen Meditationsmeister Karl Scherer und der Indianerin Dhyani Ywahoo.

Seit die Nachkommen der Hippiebewegung auf spirituellen Pfaden wandeln, welche sie in das Himalayagebiet und auch in die Indianerreservate Nordamerikas führten, mehren sich Stimmen, die eine grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen tibetischem und indianischem Denken feststellen. Wie aber kann das sein? Sind doch die religiösen Grundlagen - Buddhismus und Animismus - so unterschiedlich und liegt ihre jeweilige Heimat doch in Asien und Amerika, zwei reichlich weit voneinander entfernten Kontinenten.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, daß "Rote und Gelbe" beide der asiatischen, wenn nicht sogar mongolischen Rasse angehören. Die an die spezifischen Lebensbedingungen Nordamerikas angepaßten Indianerstämme entwickelten sich aus asiatischen Siedlungsgruppen, die aus Ostasien über die vor 36.000 Jahren gefrorenen Landbrüche zwischen Sibirien und Alaska als nomadisierende Jäger und Sammler einwanderten. Auch wenn die Indianer selbst sagen, sie kämen "aus der Erde, dem Weltraum oder seien schon immer dagewesen", so ist sowohl ihnen als auch den Tibetern eine gemeinsame Wurzel durchaus gewärtig. Im Gegensatz etwa zu uns Europäern, die die Ureinwohner Nordamerikas als "Rote" und die Bewohner des tibetischen Hochlandes fälschlich als "Gelbe" bezeichnen, fühlen sich beide Völker eigenen Aussagen zufolge der "roten Rasse" zugehörig.

Gemeinsame mythische Wurzeln

Insgesamt reichen die kollektiven Erinnerungen der nordamerikanischen Indianer sehr viel weiter in mythische Vergangenheiten zurück als anthropologische und vor- und frühgeschichtliche Theorien. Indianischem Selbstverständnis zufolge sind durch menschliche Gier und Ignoranz bereits drei vorherige Welten zerstört worden, was die Indianer in himmlischen Gefilden oder unterirdisch überlebten. (1)

Mit den Hindus Indiens und den Buddhisten Tibets sind sich die Indianer darüber einig, heute im vierten Weltzeitalter zu leben. Dieser Gedanke hat eher mit einer zyklisch verlaufenden Neubildung der aktuellen kosmischen Ordnung zu tun, als mit der bei uns verbreiteten linearen Vorstellung einer Erschaffung der Welt aus dem Nichts, die im krassen Gegensatz dazu steht.

Verblüffende ästhetische und symbolische Ähnlichkeiten, wenn nicht sogar Übereinstimmungen, gibt es im gesamten ornamentalen und künstlerisch-rituellen Bereich. So sind unter den Gold- und Silberschmieden der Navajos, Hopis und Zunis des amerikanischen Südwestens beispielsweise Türkise und Korallen ebenso beliebt wie bei tibetischen Schmuckkünstlern und zwar vorwiegend aufgrund der magischen Bedeutung. Nur Türkise werden sowohl in Arizona als auch auf der tibetischen Hochebene gefunden. Korallen aber werden aus dem indischen Ozean oder dem Mittelmeer importiert; von den Tibetern schon seit frühen Zeiten, von nordamerikanischen Silberschmieden, deren Handwerk relativ jung ist, seit den 30er Jahren unseres Jahrhunderts.

Korallen stehen in beiden Kulturen mit dem Blut des Lebens in Verbindung und gelten als Glücksbringer. Noch größere Wertschätzung genießen Türkise, die hier und dort zu den heiligen Steinen gezählt werden: In seiner grünlich-bläulichen Farbe spiegeln sich die kosmischen Kräfte von Himmel und Meer, und da getragener Türkis die Farbe wechselt, gilt er als Stein des Lebens und lebensstärkende Medizin.

Der symmetrische Aufbau der oft auftauchenden Donnervögel mit Edelsteinintarsien ähnelt tibetischen Garudas. In beiden Fällen handelt es sich um Krafttiere, die ihrem Träger Schutz gewähren, indem sie wohlwollende Mittler zwischen den Göttern und den Menschen darstellen.

Schamanistische Wahlverwandtschaft

Vergleichbar ist auch die in Kunst und Ritualen intensiv zum Ausdruck kommende Bedeutsamkeit der Orientierung im Raum, die den Menschen der kosmischen Ordnung eingliedert, was ihn schamanistischer Grundüberlegungen zufolge heilt. So stellen beispielsweise viele Sandmalereien von Navajo-Medizinmännern Kreise dar, die in vier Segmente aufgeteilt sind, welchen kosmische Kräfte wie Regen, Donner und dergleichen, die Himmelsrichtungen und z. B. die wichtigsten Kulturpflanzen zugeordnet werden. Auch die Medizinräder, die zur Heilung von Individuen, Gruppen und der Natur rituell verwendet werden, basieren auf dieser geometrischen Urform. Kreisförmig, viergeteilt und um einen Mittelpunkt konzentriert ist auch die Kompositionsstruktur der Mandalas, die sich auf Thangkas finden.

Innerhalb dieses Kreises der vier Richtungen befindet sich entweder der reine Raum der buddhistischen Lehre, der himmlische Raum der Bodhisattvas, Götter, Dhakinis und Dämonen oder das Rad allen irdischen Lebens, das von den drei Lastern Gier, Ignoranz und Haß in Bewegung gesetzt wird. Vier Tore öffnen aus den vier Himmelsrichtungen der materiell-sinnlichen Erscheinungen den Zugang zu dieser Welt der Ideen und Grundprinzipien. Der Umstand, daß der Kreuzungspunkt der zwei Linien im indianischen Kontext zum Nullpunkt wird, aus dessen Leere alles Existierende erscheint (und nicht wie im tibetischen zum fünften Punkt), deckt sich mit dem buddhistischen Konzept der Leerheit - Shunyatta - die der Urgrund jeder Existenz ist.

Natürlich finden Indianer und Tibeter verschiedene Worte, doch meinen sie letztlich dasselbe. Erklären sich Indianer das Sein als Kreis in Ketten von Kreisen, die sich ineinander ergießen und auseinander entstehen, so sprechen tibetische Buddhisten vom wechselseitig bedingten Entstehen. In dieses Geschehen - und das ist eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten zwischen dem tibetischen und nordamerikanischen Weltbild - ist der Mensch verantwortlich einbezogen. In beiden Kulturen macht er sich die Erde nicht untertan (wie wir es aus der Bibel kennen), sondern ist als "Verwandter aller lebenden Wesen" innerhalb dieser "circles of life" verantwortlich für die Sicherung einer lebenserhaltenden Harmonie, wozu Rituale, Gedanken und religiös-ethisches Verhalten verhelfen. In diesem Dienst steht auch die erwähnte Thangkakunst und Sandmalerei.

Dazu meint Hehakà Sapa (Black Elk = Schwarzer Hirsch), Oglala-Sioux und Hüter der heiligen Pfeife:
"Der Erste Friede, der Wichtigste ist der,
welcher in die Seele der Menschen einzieht,
wenn sie ihre Verwandtschaft,
ihre Harmonie mit dem Universum einsehen
und wissen, daß im Mittelpunkt der Welt
das große Geheimnis wohnt,
und daß diese Mitte tatsächlich überall ist.
Sie ist in jedem von uns.
Dies ist der wirkliche Friede,
alle anderen sind lediglich Spiegelungen davon."

Lama Gyal-say-thok-may drückt sich in den 37 Übungen der Bodhisattvas diesbezüglich ganz ähnlich aus, wenn er von Spiegelungen spricht, um zu sagen, daß der Mensch die Wirklichkeit und den inneren Frieden selbst erzeugt:
"Was immer uns erscheint, ist unser eigener Geist,
es ist der Geist, der ursprünglich
Vom Extrem der Vorspiegelung frei ist.
Begreift dies und laßt unbeachtet die Erscheinung
von Gegenständen und vom Selbst.
So üben Bodhisattvas sich."

Dieser Friede mit sich selbst ist die Grundlage eines heilsamen Zusammenwirkens zwischen Menschen und Völkern, wie Black Elk fortfährt:
"Der zweite Friede ist der,
welcher zwischen Einzelnen geschlossen wird.
Und der dritte ist der zwischen Völkern.
Doch vor allem sollt ihr sehen,
daß es nie Frieden zwischen den Völkern geben kann,
wenn nicht der erste Friede vorhanden ist,
welcher, wie ich schon oft sagte,
innerhalb der Menschenseele wohnt!" (2)

Und auch in der Arya-Tathagatagarbha-Sutra wird diese so wichtige Verbindung aller Lebewesen und die Verantwortung des einzelnen für Harmonie und Friede angesprochen - wenn auch mit anderen Worten:
"Nun da ich mir bewußt bin,
daß alle Wesen, meine gütigen Mütter,
gleich mir in den Ozean von Samsara gestürzt sind,
segnet mich, daß ich mich im reinen Bodhigeist übe,
der sich verpflichtet, alle Wesen zu erlösen."

Die Ähnlichkeit im Denken basiert darauf, daß eine prinzipielle Verbindung zwischen der geistigen und materiellen Sphäre angenommen wird. Alle Erscheinungsformen der Natur sind beseelt, und die Menschen können auf der spirituellen Ebene mit diesen Geistern oder Spirits in Kontakt treten. Deshalb können Krankheiten, ökologische Schäden und Naturkatastrophen, die sich auf der materiellen Ebene offenbaren, mental durch Rituale und Gebete beeinflußt werden, und zwar sowohl im buddhistischen als auch schamanistischen Kontext.

Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß der Buddhismus zwar historisch die Bön-Religion ablöste und seit dem 8. Jh. u. Z. zur Staatsreligion in Tibet wurde, daß er aber trotz aller Konkurrenz und ablehnenden Haltung gegenüber den Bönpo jedoch gerade im rituellen Leben vieles von dieser animistisch-schamanistischen geprägten Denkweise übernahm. Da die buddhistische Überlagerungsschicht oft nur sehr dünn ist, zeigen buddhistische Mönche häufig erhebliche Berührungsängste gegenüber den als rückständig geltenden Schamanen und grenzen sich deutlich gegenüber animistisch orientierten Naturreligionen ab.

Gemeinsame Sorge um die Natur

Aufgrund weltanschaulicher Parallelen suchen indianische Medizinmänner und tibetische Lamas aktiv untereinander Kontakt. Eine tibetische Prophezeiung aus dem 9. Jahrhundert soll sogar lauten: "Wenn der eiserne Vogel fliegt, wenn Ponys auf Rädern laufen und Wagen auf Schienen fahren, dann wird der Dharma im Lande des Roten Mannes blühen." Es fällt nicht schwer, darin Anspielungen auf technische Entwicklungen wie Flugzeuge, Autos und Züge zu erkennen, die - als ganzer Stolz der westlichen Kultur - spirituelle Werte verdrängen. Umgekehrt kennen auch die Cherokee die Prophezeiung, daß eines Tages, an dem die Erde dringender Reinigungsrituale bedarf, die Verwandten aus dem Osten mit bestimmten Roben und Hüten zur Unterstützung kommen. Ebenso meint der Hopi-Häuptling Earl Pela, auf ökologische Krisen anspielend: "Wir können nicht nur unser überliefertes Wissen, sondern auch die Probleme vergleichen."

Gerade die Sorge um die Natur brachte beide zusammen. So traf Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama 1979 anläßlich einer USA-Reise mit den Ältesten der Hopi und des Völkerbundes der Irokesen zusammen. Der 16. Karmapa besuchte Schwitzhüttenzeremonien der Lakota und wurde seinerseits von den Hopi eingeladen, Zeremonien für sie durchzuführen. Um die Wirkung uranhaltiger Abraumhalden im Siedlungsgebiet der Navajo zu neutralisieren, wurde Lama Tharchin um entsprechende Zeremonien gebeten. Baca Tulku, ein hoher, reinkarnierter Abt, bemüht sich selbst seit Jahren, indianische Praktiken zu erlernen, weshalb er unter abenteuerlichen Bedingungen eine indianische Trommel in sein Stammkloster im Südosten Tibets brachte.

Karl Scherer - Mittler zwischen Ost und West

Einer, der mit beiden Kulturen intensiver in Berührung kam - so wurde er z.B. von indianischen Medizinmännern in ihre Lehren eingeweiht und 1996 vom inzwischen verstorbenen Urgyen Tulku Rimpoche autorisiert, die Grundlagen seiner Lehre weiterzugeben - und der so auf grundsätzliche Übereinstimmungen im Denken aufmerksam wurde, ist Karl Scherer. In seiner gegenwärtigen Arbeit versucht er, beide geistigen Traditionen fruchtbar miteinander zu verbinden, obgleich er sich der damit verbundenen Gefahren bewußt ist und von den konservativ-traditionell eingestellten Vertretern beider Seiten auch kritisch betrachtet wird. "Dennoch hoffe ich, daß die indianischen Medizinrad-Lehren und die Weisheit des Diamantweges die Verbindung von Himmel und Erde, Mensch und Natur, Materie und Geist bewirken können, die wir als globale Vision für das 21. Jahrhundert so dringend brauchen."

Ausgebildet in Primär- und reichianischer Therapie, fühlte sich Scherer bei seinen ersten Studienaufenthalten in Amerika zunächst eher der rationalistischen Lebensauffassung verpflichtet; eine Orientierung, die er zunehmend überdenken mußte, nachdem er ab 1977/78 in den Cascade Mountains bei Oregon das erste Mal mit dem Medizinmann der Rosebud Bruel Sioux Brave Buffalo zusammentraf und in der Bergeseinsamkeit auf Visionssuche ging. Weitere intensive Kontakte mit spirituellen Führern verschiedener Indianerstämme, wie z.B. den Oglala-Indianern Ojon Wakan, dem obengenannten Black Elk oder mit Leonard Crow Dog, Tom Yellowtail und Ted Bear Cloud vertieften seinen Einblick in indianisches Denken und konfrontierten ihn mit der "Woniya Wakan" genannten Atmung, die Transformationsprozesse und reale physische Nahtoderfahrungen auslöst. Diese Methode vermittelt Karl Scherer unter dem Namen "Intuitives Atmen" in Vorträgen, Workshops und Retreats.

Seit 1986 lernte Scherer bei Studienaufenthalten in Asien die buddhistische Sichtweise der Wirklichkeit kennen und gewann tieferen Einblick in die Nyingma-Tradition. Dabei zeigte ihm Khyabje Khyentse Rinpoche die grundsätzliche Einheit tibetischer Belehrungen mit solchen der indianischen Tradition. Sie offenbart sich gerade am Beispiel der bewußten Atmung, die im bisherigen Werdegang des Freiburger Atemtherapeuten und Meditationslehrers schon lange im Zentrum der Betrachtung gestanden hatte.

Jeder Mensch kann erleben, wie sehr er mit dem Atem "am Leben hängt". Der Atem ist nicht nur die zentrale, alles verbindende Lebensfunktion, sondern auch eine Verbindung zwischen den inneren Organen und dem uns umgebenden Raum, den wir mit jedem Atemzug in uns aufnehmen. Er spielt nicht nur bei den asketisch-schamanistischen Praktiken der Prärieindianer eine bedeutsame Rolle, sondern auch bei vielen tibetischen und sonstigen Meditationstechniken. So ist es nicht verwunderlich, daß der tibetische Lharampa Geshe Tarab Tulku Rinpoche im Intuitiven Atmen etwas erkannte, das in der Wirkung den Initiationen in die höchsten Formen tantrischer Meditation vergleichbar sei.

Dhyani Ywahoo - Indianische Verwandte der Tibeter

In der Person der Etowah Cherokee-Indianerin Dhyani Ywahoo (gesprochen Daijani Jawacho) verbinden sich beide spirituellen Weltanschauungen auf sehr unmittelbare und persönliche Weise. Der Stamm der Cherokee gehört zur Algonkin-Sprachgruppe und lebt traditionell im südöstlichen Waldland, zwischen dem Appalachen-Mittelgebirge Vermonts und den Everglades-Sümpfen Floridas. Glücklicherweise konnte auch die systematische Unterdrückung aller indianischen Kulturen durch die Weißen die kulturelle Identität der Cherokee nicht gänzlich auslöschen.

Auf dem Lande bei Bristol, Vermont, wo Dhyani Ywahoo heute mit ihrer Familie lebt, gründete die Häuptlingsfrau des Wild Potato Clans (Clan der wilden Kartoffel) die "Sunray Meditation Society" zur Förderung des Weltfriedens. Die Schülerinnen und Schüler, die aus der ganzen Welt kommen, um an diesem sogenannten "Peacekeeper-Training" teilzunehmen, werden erstaunlicherweise nicht nur in indianischen, sondern auch in buddhistischen Lehren unterrichtet und erlernen eine bestimmte Meditationstechnik, die visuelle und akustische Momente enthält. Bei sogenannten "Peacetrainings", die seit 1981 stattfinden, geht es um "Family-of-Life-Teachings", d.h. um die Wahrnehmung der Beziehung zu den leiblichen und kosmischen Eltern (Himmel und Erde), zwischen Mensch und Mensch sowie Mensch und Natur.

Kulturelle Identität bewahren

Es gehört geradezu zu den spirituellen Pflichten Dhyani Ywahoos, im Wald und in den Bergen zu leben und diese heimische Umgebung mit Gebeten und Ritualen zu schützen. Der Rückbezug auf die eigenen spirituellen Wurzeln wurde ab 1969 durch die Ältesten forciert, die besorgt waren über den zunehmenden Raubbau an der Natur und die Verstädterung, und damit Entfernung, vieler Cherokee von ihren eigenen traditionellen Wurzeln. So hüten die Cherokee z.B. bis heute ein Feuer, das 25000 Jahre lang nicht erloschen sein soll, und erzählen ihren Kindern am sakralen, heimischen Herd, dessen Betrachtung als "Medizin" verstanden wird, weiterhin die Geschichten der Ahnen.

Bereits die Großeltern der Cherokee-Indianerin erzählten, in ihren eigenen Kreisen und Zeremonien einen spirituellen Kontakt mit tibetischen spirituellen Führern wie Padmasambhava oder Milarepa gehabt zu haben. Dieselbe verwandtschaftlich-visionäre Beziehung spürte auch deren Enkelin, als sie sich 1976 aus Vermont auf eine Pilgerschaft über Indien nach Tibet begab, um die Leylines aufzuspüren und mit der mentalen Konzentration auf bestimmte Energiekreuzungspunkte die malträtierte Erde zu heilen. Auf einer von mehreren daran anschließenden Indienreisen lernte sie Swami Nadabramananda, einen indischen spirituellen Musiker kennen, der ihr innere Bezüge zwischen der indisch-tibetischen und der indianischen Kultur enthüllte. 1986 schließlich erkannte Chetsang Rinpoche, Oberhaupt der 800 Jahre alten Drikung-Kagyu-Linie des tibetischen Buddhismus, in einem der Söhne Dhyanis eine Reinkarnation seines verstorbenen Lehrers und bestätigte so die verwandtschaftlichen Vorahnungen der Ywahoo-Familie.

Dhyani Ywahoo selbst beschreibt die Parallelen zwischen der Kultur der Tibeter und der Cherokee folgendermaßen: "Beide Kulturen kennen eine Priesterkaste und erbauen Tempel. Die Annäherung beider Kulturen an ein meditativ-spirituelles Leben rührt von einem intensiven Austausch mit der Natur her. Außerdem verbarg Padmasambhava gewisse Lehren, damit sie in zukünftigen Zeiten, in denen die Menschen diese Unterweisungen nötig brauchten, gefunden werden sollten. Hier findet sich eine Parallele zu unserer mythischen Gestalt, die wir 'Peacemaker' - Friedensstifter nennen. Dieser inkarnierte sich mehrmals und bewirkte zur Zeit der Dominanz der Indianer durch Weiße politisch einen friedlichen Zusammenschluß zwischen den sogenannten 'Five nations'", (zu denen neben den Cherokee auch die Creek, Choctaw, Chickasaw und Seminolen gehören). Dhyani behauptet sogar, daß seine erst später gefundenen Schriften Einfluß auf die Verfassung der USA und der United Nations hätten.

Angesprochen auf die Gemeinsamkeiten zwischen den nordamerikanischen Stämmen und den Tibetern meint Dhyani: "Uns alle verbindet die gemeinsame Sorge um die Erde. Der ganze Kern der Lehre der Eingeborenen Amerikas ist das Wissen, daß alles mit uns verwandt ist und daß wir für die Erde und füreinander sorgen müssen."


Die Autorin dankt Dhyani Ywahoo und Karl Scherer für ihre Informationen und Gesprächsbereitschaft.



Fußnoten
1) Lediglich die Überlieferung einer verheerenden Sintflut deckt sich mit der vorderasiatischen Vorstellung, die durch die enorme Verbreitung der von dort stammenden monotheistischen Religionen Judentum, Islam und Christentum auch in unseren Breitengraden verbindlich wurde und frühere, heidnische Überlieferungen ausrottete.

2) Zitiert aus H.-B. Eichmüller, Elementar-Kreise 96/97

Literaturtips

Karl Scherer, Atem als Tor. Grundlegende Texte zum intuitiven Atmen, Arbor Verlag, Freiamt 1992.
Dhyani Ywahoo, Stimmen der Weisheit, Ost West Verlag Illmensee 1996.



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