31.10.98
 
HACKER

Vermintes Terrain

Kriminelle und Spione interessieren sich für die Elite der Computerfreaks: Ein Datenjongleur starb unter mysteriösen Umständen, ein anderer mußte BND-Avancen abwehren.

Der Junge nannte sich "Tron", und mit Forschern wie ihm mußte man sich um den Technologie-Standort Deutschland keine Sorgen machen. Um seine wissenschaftliche Neugier zu befriedigen, beschaffte er sich einst gar über Nacht eine komplette Telefonzelle, weil er an die Daten im Bauch des Kastens gelangen wollte. Morgens um fünf Uhr karrte Tron das Häuschen per Mietlaster zurück und verschraubte es wieder ordnungsgemäß.

Nur einmal wurde der Hacker erwischt als er mit einem Kumpel ein öffentliches Telefon mit dem Vorschlaghammer bearbeiten wollte. Den irritierten Polizisten erklärte er, daß er den Chip brauche, weil die Telekom die Software geändert habe.

Der Richter ließ das nicht als Entschuldigung gelten und verhängte Ende 1995 ein Jahr Haft auf Bewährung. Artikel über den Fall machten die deutsche Hacker-Elite vom Chaos Computer Club (CCC) auf die Nachwuchskraft aufmerksam. Tron hackte fortan im Verein, bis zu seinem Ende.

Am 22. Oktober gegen 16 Uhr fanden Spaziergänger in einem Park am Berliner U-Bahnhof Britz-Süd einen Toten. Boris F. alias Tron hing an einem Baum, die Füße noch auf dem Boden: Er muß sich, den eigenen Gürtel um den Hals, mit aller Kraft nach vorn geworfen haben.

Für die Hauptstadt-Polizei sah der Fall zunächst eindeutig aus: Selbstmord, vermutlich am Tag zuvor. Es gebe keine Spuren von Fremdeinwirkung, so ein Beamter. Die Freunde des Hackers bezweifeln allerdings einen Suizid. Zu viele Indizien sprechen ihrer Meinung nach dagegen.

Tatsächlich bewegte sich Tron, 26, auf vermintem Terrain. Die jugendlichen Datenhexer sind heute so umkämpft wie nach dem Zweiten Weltkrieg jene Männer, die wußten, wie man Raketen ins All oder auf anderer Leute Hauptstadt schießt: Geheimdienste wie der Bundesnachrichtendienst versuchen sie zu ködern. Und auch Verbrechersyndikate interessieren sich für ihr Wissen. Eine Gemengelage, in der selbst Verschwörungstheorien plausibel scheinen.

Hacker Tron galt als energiegeladen und lebensfroh, weder finanzielle noch private Sorgen waren bekannt. Im Sommer hatte er eine brillante Diplomarbeit an der Technischen Fachhochschule abgeliefert. Trotz Vorstrafe winkte ein Job in der Computerbranche.

Seine Mutter, mit der er im Stadtteil Rudow wohnte, wußte stets, wo er zu finden war. Zum Vater, der 20 Autominuten entfernt lebte, pflegte er guten Kontakt.

Am 17. Oktober gegen zwei Uhr nachmittags verließ er das Haus mit den Worten: "Ich geh' kurz raus." Er wollte einen Brief einwerfen. Da er sein Notebook nicht, wie üblich, im Rucksack trug, erwartete die Mutter eine baldige Rückkehr. Als der Sohn abends noch immer nicht auftauchte, alarmierte sie die Polizei.

Freunde vom CCC, die von Trons Verschwinden erfuhren, registrierten erschrocken, daß der Hacker nicht mal die Anrufe auf seinem Handy entgegennahm. Als die Leiche gefunden wurde, ergab die Obduktion, daß er noch vier Tage nach seinem Verschwinden gelebt hatte.

"Auch wenn die Anhaltspunkte für einen Suizid überwiegen, ermitteln wir unter der Überschrift Kapitalverbrechen", sagt Kriminalhauptkommissar Klaus Ruckschnat, 41, Chef der dritten Mordkommission, deren sieben Mitarbeiter dem Fall nachspüren.

Für den Fahnder steht fest, daß Tron sich "mit irgend jemandem getroffen hat. Wir wissen aber nicht, mit wem". Die nachträgliche Ortung der Handy-Anrufe ergab, daß er sich in der Gropiusstadt aufgehalten hat. Aufgrund der Umstände, sagt CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn, "können wir an Selbstmord nicht glauben".

Denn mit seiner Fähigkeit, Karten am Küchentisch nachzubauen, tummelte sich Tron in einem millionenschweren schwarzen Markt. Als erstem Hacker gelang es ihm, eine Telefonkarte zu kopieren. Später klonte er Handy-Karten und die Chipkarte der d-box, die digitales Bezahlfernsehen auf Hunderten von Kanälen ermöglicht. Weil in Serie gefälschte Karten Gewinnspannen wie der Drogenhandel versprechen, interessiert sich die Organisierte Kriminalität lebhaft für das Zukunftsgeschäft.

1996 flog ein internationales Trio auf, das 20 000 Telefonkarten im Nennwert von 50 Mark im Paket zu 1,8 Millionen Mark anbot. Der Clou: Die Karten luden sich, kurz vor Ablauf, selbsttätig wieder auf.

In Berlin blüht das Geschäft der illegalen Phone-Shops, in denen Ausländer mit gefälschten Karten für 20 Mark pro halbe Stunde mit den Lieben daheim plaudern können. Die Telekom taxiert den jährlichen Schaden auf eine "zweistellige Millionenhöhe", ohne gegen den Mißbrauch viel ausrichten zu können.

Das Geschäft mit TV-Decodern wie der d-box verspricht, noch rentabler zu werden. Gefälschte Karten für das Pay-TV kosten 20 Mark in der Herstellung, werden aber für 400 Mark feilgeboten.

Tron tüftelte auf einem weiteren brisanten Gebiet. Als Diplomarbeit ("Die Realisierung einer Verschlüsselungstechnik für Daten im ISDN-B-Kanal") entwickelte er ein Gerät, das komplette ISDN-Kommunikation günstiger kodiert als bisherige Apparate.

Das Thema Verschlüsselung interessiert angesichts der multimedialen Zukunft auch Geheimdienste. Wie gern die Dienste sich an die Hacker-Szene heranrobben, bewies schon vor zehn Jahren der Fall Karl Koch. Der kokainsüchtige und psychisch labile Computerfreak aus Hannover, der auf seinen Streifzügen durch die Datennetze angeblich bis an Informationen über Lasertechnologie des SDI-Projekts vorgedrungen war, lieferte Paßwörter und Programme von Militärs, Raumfahrt- und Rüstungsfirmen an den KGB. Im Juni 1989 fand ein Bauer im Wald bei Gifhorn Kochs Leiche offenbar Selbstmord.

Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) wirbt mittlerweile Computerkids an. Erst Anfang dieses Jahres kontaktierte ein Mann, der sich als Vertreter der Oldenburger Consulting-Firma Padec GmbH ausgab, einen Berliner Studenten.

Man traf sich im Berliner Hotel am Zoo und zog dann weiter in eine Bar. Für einen Investor brauche er Informationen über Datennetze in Iran, erklärte der angebliche Wirtschaftsberater. Der Hacker zeigte Interesse.

Penibel arbeitete er eine Auftragsliste ab, die ihm der Padec-Vertreter auf Briefpapier der Unternehmensberatung gegeben hatte: Welche Provider bieten in Iran ihre Dienste an? Welche Rolle spielt das Postministerium in Teheran? Wer betreibt die iranische Bodenstation für den Satellitenzugang zum kuweitischen Provider?

Der Hacker übergab die Ergebnisse der Fingerübung am 15. April und erhielt 2000 Mark gegen Quittung. Der nächste Job folgte prompt, diesmal ging es um die "Region St. Petersburg, hier insb. Universitäten".

Dabei galt dem BND die Anwerbung von Hackern lange als zu riskant. Die schwer kontrollierbaren Freaks könnten an die Öffentlichkeit gehen. Andererseits herrscht Mangel an Fachkräften, um "die vielfältigen Möglichkeiten der Kommunikation im ,Internet'" (BND-Vermerk) zu nutzen.

Am 1. Mai kam der Mann aus Oldenburg denn auch zur Sache. Ein Mitarbeiter des BND habe ihn angesprochen, erzählte er dem Studenten. Der erinnert sich so an die Offerte: Man sei an heißen Hacks interessiert. Ob er sich in iranische Rechner einloggen und Informationen beschaffen könne über geheime Waffenprogramme der Mullahs, vor allem Massenvernichtungswaffen? Der Dienst am Vaterland, so der Padec-Mann, werde gut bezahlt und sei risikofrei. Ein Staatsanwalt garantiere, daß der Hack straffrei bleibe.

Der Student bat sich Bedenkzeit aus und suchte Rat beim CCC. Die legendären Datenknacker, die sich als Aufklärer verstehen, sind bekannt für ihre Skepsis gegenüber Diensten, Industrie und Politik.

Danach ließ der Freak den BND wissen, daß er an weiteren Jobs nicht interessiert sei. Die Geheimen baten um ein letztes Treffen, um "Mißverständnisse zu klären". Der Student erschien in Begleitung von CCC-Sprecher Müller-Maguhn, der den Pullacher bitten wollte, von Anwerbeversuchen künftig abzusehen. Doch niemand erschien. Im Juli verschwand auch die Padec GmbH. Die Gesellschafter hatten die Auflösung beschlossen.

Auch Hacker Tron wurde von Firmen angesprochen, allerdings nie vom BND. Bekannt dürfte das Talent Geheimdienstlern dennoch gewesen sein. Auf Kongressen, wo er stolz von kühnen Hacks erzählte, lauschten auch französische und niederländische Schnüffler.

Um Geld ging es dem subversiven Hobby-Elektroniker allerdings nicht. Es reichte ihm, wenn er bei Leuten, die mit dem Kartenhandel reich geworden waren, mal eine teure Workstation nutzen durfte.

Kistenweise haben Ermittler nun Computermaterial aus Trons Zimmer sichergestellt. Die Hoffnung auf Hinweise könnte trügen: Der Hacker, sagt ein Freund, "war Meister im Verschlüsseln. Das knackt kein Polizist".

DER SPIEGEL 45/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags


zurück zur Übersicht / zum nächsten Artikel

 
 


[ Home | Der Spiegel | Netzwelt | Reuters | Sport | Kultur extra | Spiegel TV ]
[ Spiegel special | Service/Suchen | Lycos | Yahoo! | Shop | Forum | E-Mail ]