Marihuana bei Multipler Sklerose


In der Fachzeitschrift European Neurology erschienen jüngst Ergebnisse einer Umfrage unter 112 amerikanischen und britischen Patienten mit Multipler Sklerose (MS) über ihre medizinische Verwendung von Marihuana. Eine Vielzahl von Symptomen wurde gebessert, darunter in hohem Maße Spastik und Schmerzen, Zittern in Armen und Kopf, Depressionen und Angst. Es wurde auch über günstige Wirkungen auf die Gehfähigkeit sowie die Blasen- und Darmfunktion berichtet. Die Autoren schließen daraus, daß Cannabis zumindest bei einigen Patienten  verschiedene MS-Symptome deutlich vermindern könne.
 

 
Tabelle 1:
Die ausgewerteten Personen mit MS
 
Parameter Ausprägung
Anzahl  112
Geschlecht:
     männlich
     weiblich
51%
49%
Altersmittel (Jahre SD*) 44,4 (8,7)
Mittlere Anzahl der Jahre seit der Diagnose  14,4 (8,2)
Gehfähigkeit:
     meisten oder immer im Rollstuhl
     Gehen nur mit Stock oder Krücke
     Gehen ohne Hilfe
41%
21%
38%
*) SD = Standardabweichung 
 
Es liegen einige Studien an kleinen Kollektiven beziehungsweise Einzelfallstudien vor, die die Wirksamenkeit von Marihuana, THC und Nabilon, einem synthtischen THC- Abkömmling, bei organisch bedingter Spastik im Rahmen von Multipler Sklerose oder Rückenmarksverletzungen belegen (Brenneisen 1996, Clifford 1983, Martyn 1995, Maurer 1990, Meinck 1989, Petro 1981).

Weitere günstig beeinflußte Symptome umfaßten Schmerz, Mißempfindungen wie Kribbeln und Zittern. Die Wirkung setzte häufig bereits bei Dosierungen unterhalb der psychotropen Schwelle ein.
 
 
Tabelle 2: 
Konsumgewohnheiten der 112 Befragten
 
Parameter  Ausprägung
Mittlere Dauer des Cannabiskonsums (Jahre SD*)  5,9 (5,0)
Spanne der Cannabiskonsumdauer (Jahre)  0,2-28
Häufigkeit der Cannabiseinahme pro Tag (SD)  2,7 (2,8)
Anzahl der Konsumtage pro Woche (SD)  5,6 (2,0)
Anzahl der Personen, die Cannabis einnahmen 
            zwischen 6 Uhr abends und Mitternacht 
            nach Bedarf 
            vor dem Schlafengehen 
            zu regelmäßigen Intervallen während des Tages 
            zwischen 6 Uhr morgens und Mittag 
            zwischen Mittag und 6 Uhr abends 
58 % 
43 % 
38 % 
26 % 
21 % 
20 % 

Gründe für die Einnahme von Marihuana waren: 
            Verringerung bestimmter Symptome der MS 
            Hilfe bei Entspannung 
            Verminderung von Angst 
            gegen Depressionen 
            Reduzierung der Häufigkeit der MS- Schübe 
            Kraft tanken 
            "high" werden 
92 % 
71 % 
45 % 
42 % 
38 % 
23 % 
21 % 
*) SD = Standardabweichung 
 
Die Spastik wird bei der Multiplen Sklerose durch eine Schädigung der Nerven im Bereich des Rückenmarks (spinale Spastik) verursacht, wie sie etwa  auch bei einer Querschnittsverletzung auftreten kann, oder durch eine Schädigung im Bereich des Großhirns (zerebrale Spastik), wie sie auch bei Hirnverletzungen, nach einer Hirnoperation oder einem Schlaganfall gefunden wird.

Daneben liegen einige Hinweise auf die Wirksamkeit von Cannabis und einzelnen Cannabinoiden bei anderen Symptomen vor, die bei einer Multiplen Sklerose auftreten könnnen. Es handelt sich vor allem um Schmerzzustände, Depressionen und Gewichtsverlust.

In persönlichen Erfahrungsberichten weisen Personen, die an einer Multiplen Sklerose leiden, zudem gelegentlich daraufhin, daß sich ihre Blasen- und Mastdarmfunktion verbessere.

In einem umfangreichen Fragebogen sollten nun Patienten selbst ihre Erfahrungen im Umgang mit einer illegalen Selbstmedikation schildern (Consroe 1997).
 

Studienablauf


Der verwendete Fragebogen bestand aus 68 Fragen auf 13 Seiten. Es wurde nach den Symptomen gefragt sowie nach dem Grad der Verbesserung oder Verschlechterung durch die Verwendung von Marihuana. Die Verteilung der Fragebögen erfolgte über die Cannabis- Selbsthilfegruppen (Alliance for Cannabis Therapeutics) in den USA und Großbritanien.

Nach Beantwortung der Fragen sollten diese anonym an einen der Studienleiter zurückgesandt werden. Insgesamt wurden 255 Fragebögen verschickt (120 USA, 135 Großbritannien).

25 kamen unzustellbar zurück. Von den verbleibenden 230 wurden 132 beantwortet zurückgesendet. Von diesen 132 nahmen 14 MS- Erkrankte kein Cannabis, 3 nahmen es oral, 1 nahm Nabilon und 2 Fragebögen waren unvollständig beantwortet.
 

 
Tabelle 3: 
Wirkung von Cannabis auf MS- Zeichen und -Symptome 
(Angaben in Prozent der 112 befragten Personen)
 
Symptom Personen, die dieses Symptom aufweisen, mit Besserung*) durch Cannabis Personen mit starker Besserung durch Cannabis Personen mit Verschlecht- erung durch Cannabis Personen mit diesem Symptom
Spastik beim Einschlafen  96,5% 75,6% 0,0% 76,8%
Schmerzen in den Muskeln  95,1% 73,8% 0,0% 54,5%
Spastikbei nächtlichem Aufwachen 93,2% 71,2% 0,0% 52,7%
Schmerzen in den Beinen bei Nacht 92,3% 75,0% 1,9% 46,4%
Zittern (Arme / Kopf)  90,7% 53,5% 3,8% 38,4%
Depressionen  90,6% 62,2% 1,4% 66,1%
Angst  89,6% 60,3% 1,7% 51,8%
Spastik bei nächtlichem Aufwachen 89,0% 63,0% 0,0% 65,2%
Kribbeln um Gesicht/ Arme/ Beine/ Stamm  80,8% 37,2% 1,3% 69,6%
Taubheit von Brust/ Bauch  74,9% 43,3% 0,0% 28,6%
Schmerzen im Gesicht  73,3% 33,3% 0,0% 13,4%
Gewichtsverlust  73,3% 53,3% 0,0% 26,8%
Schwäche in den Beinen  72,9% 35,3% 3,5% 75,9%
Müdigkeit  66,3% 31,5% 7,6% 82,1%
Harndrang  64,0% 29,3% 0,0% 67,0%
Doppelbilder  62,8% 34,9% 2,3% 38,4%
Sexuelle Fehlfunktion  62,7% 39,2% 5,9% 45,5%
Fähigkeit zu laufen 59,4% 27,7% 3,9% 82,1%
Harnverhalt  58,5% 17,0% 5,7% 47,3%
Sehschwäche  58,3% 30,0% 1,7% 53,6%
Stuhldrang  57,7% 23,1% 3,8% 23,2%
Körperbalance  56,2% 18,9% 13,4% 85,7%
Harninkontinenz  54,7% 24,5% 0,0% 47,3%
Verwaschene Sprache  54,3% 30,4% 6,5% 41,1%
Stuhlinkontinenz  44,4% 22,2% 0,0% 24,1%
Gedächtnisverlust  32,0% 9,4% 13,4% 47,3%
Verstopfung  30,2% 5,7% 0,0% 47,3%

*) Besseung = starke Besserung + leichte Besserung

 

Ergebnisse


Die Konsumgewohnheiten der MS- Patienten sind in Tabelle 2 aufgeführt, die Wirkungen auf Symptome der Erkrankung in Tabelle 3.

Danach wurden eine Anzahl von Symptomen (Schmerzen, Spastik, Deprssionen, Zittern etc.) in über 80 Prozent bei jenen Befragten gebessert, bei denen diese Symptome bestanden.

Schmerzen und Spasmen wurden dabei in über 70 Prozent "stark gebessert".

Eine Anzahl weiterer Symptome wurden in 60 bis 75 Prozent gebessert, darunter Gewichtsverlust, Müdigkeit, Schwäche und sexuelle Fehlfunktion.

In etwas geringerem Maße wurden Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktionen gebessert.Gerade diese Störungen sind mit den legal verfügbaren Medikamenten nur schwer zu beeinflussen. Auch die Gehfähigkeit und die Körperbalance wurden in mehr als der Hälfte der Fälle gebessert.

In früheren Studien wurde gelegentlich darauf hingewiesen, daß sich die Körperbalance unter Cannabis verschlechtern könne (Greenberg 1994).

Auch in dieser Umfrage wurde in 13,4 Prozent von einer Verschlechterung dieses Symtoms berichtet, die Mehrzahl der Befragten (56,2 Prozent) profitiert jedoch, davon sogar 18,8 Prozent sehr stark, während eine starke Verschlechterung nur in 2,9 Prozent der Fälle auftrat.
 

Diskussion


Aufgrund verschiedener Untersuchungen ist bekannt, daß MS- Symptome wegen einer hohen Placebo- Rate in 65 bis 70 Prozent durch vollkommen unwirksame Präparate subjektiv günstig beeinflußt werden. Hier wurde jedoch eine Vielzahl von Symptomen in mehr als 90 Prozent aller Fälle verbessert, so daß hier vermutlich kein Placebo- Effekt vorliegt, sondern eine echte Wirkung. Zudem wurde bei einer Anzahl von Symptomen ein hoher Anteil starker Besserungen angegeben.

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, daß es unwahrscheinlich sei, daß die Reduzierung von MS- Symptomen auf Einbildung beruhe. Ein Indiz sei die hohe Variation der beeinflußten Symptome. Cannabis beeinflußte nicht bei allen Befragten die gleichen Symptome in gleicher Weise.

Man kann nicht darauf schließen, wie hoch der Prozentsatz aller MS- Patienten ist, der von Cannabis profitieren könnte, denn es handelt sich bei den Befragten um ein selektiertes  Kollektiv.

Dennoch schließen die Studienleiter, daß " die vorliegende Studie, zusammen mit früheren Berichten, sehr stark darauf hinweist, daß Cannabis verschiedene Zeichen und Schmerz, signifikant vermindern kann, zumindest bei einigen Patienten."

Diesem Schluß kann man sich auch aufgrund von Erfahrungen, die MS- Kranke aus dem deutschen Sprachraum schildern, nur anschließen.

Dr. med. Franjo Grotenhermen

Zurück!

das HANFnetzwerk
fikant vermindern kann, zumindest bei einigen Patienten."

Diesem Schluß kann man sich auch aufgrund von Erfahrungen, die MS- Kranke aus dem deutschen Sprachraum schildern, nur anschließen.

Dr. med. Franjo Grotenhermen

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