Tommy-Weissbecker-Haus

26 Jahre Leben mit Repressalien

Tommy Weisbecker Haus In Berlins künftiger Protokollstraße - der Wilhelmstraße - steht das Tommy-Weissbecker-Haus, das allein schon durch das bunte Wandgemälde aus der Umgebung heraussticht, mit der gemütlichen Kneipe Linie 1. Zu den Nachbarn gehören die SPD-Führung (Willy Brandt Haus), das Finanzministerium und demnächst auch die Vertretung der Industrieverbände ("Haus der Industrieverbände"). In dieser Straße sollen demnächst, wenn Berlin Regierungssitz ist, die Staatskarossen ihre Runden drehen. Ein Gefahrenpotential haben die Sicherheitsplaner bereits ausgemacht: das Tommy-Weissbecker-Haus und seine Bewohner. Vor drei oder vier Jahren wurde in einer Pressekonferenz in Bonn die Ecke als Gefahrenzone ausgemacht. Seitdem hat sich die Sicherheitskommission so konspirativ verhalten, daß keine weiteren Informationen zu dem Thema an die Öffentlichkeit kamen.

Als 1973 das Haus besetzt wurde - knapp ein Jahr nach dem legendären Georg-von-Rauch-Haus - war das Gebäude wegen seiner Randlage und Nähe zur Berliner Mauer unbedeutend und weitgehendet uninteressant. Bis 1969 waren in dem Haus Gastarbeiter der Firma Eternit untergebracht. Danach stand es leer bis zur Besetzung.

Etwa 80 Leute, meist Treber, besetzten im Februar 1973 das selbstverwaltete Jugendzentrum Drugstore, um das Gebäude in der Wilhelmstraße 9 für selbstverwaltetes Wohnen vom Berliner Senat nach dem Vorbild des Georg-von-Rauch-Hauses gestellt zu bekommen. Zu dem Zeitpunkt gab es bereits einen Beschluß der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), kein zweites Rauch-Haus zu dulden. Am 2. März wurde allerdings ein einjähriger Nutzungsvertrag unterschrieben. Als Trägerverein wählte man den SSB (Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin e.V.), dem u.a. auch das Drugstore angehört.

Die beiden oberen Etagen das Hauses durften aufgrund baupolizeilicher Erwägungen nicht genutzt werden, so daß die freigegebenen Etagen restlos überfüllt waren. Der Senat erhoffte sich davon, daß sich durch die Konflikte, die auf so engem Raum entstehen, das Problem von alleine lösen würde: Schließlich lebten die 80 Bewohner sehr zusammengepfercht und setzten sich aus einer heterogenen Gruppe zusammen, unter denen teilweise nicht die "nettesten Gesellen" waren. "Das Problem ist nicht ein Haus zu bekommen, sondern es zu halten", faßte ein Senatsbeamter die Doktrin zusammen.

Die neuen Bewohner benannten das Haus nach dem Anarcho Tomas Weissbecker, der ein Jahr zuvor bei der Fahndung nach der Baader-Meinhoff-Gruppe von der Polizei im Alter von 23 Jahren in Augsburg erschossen wurde. Er stammte aus dem Umfeld der umherschweifenden Haschrebellen und der Blues-Bewegung, einer antiautoritären Bewegung aus der sich später die Bewegung 2. Juni rekrutierte. Sein Todestag fiel mit der Besetzung zusammen, so daß eine Benennung nach ihm auf der Hand lag. "Es war damals so, daß man das Haus nach jemanden benennen mußte, zu dem man sich hingezogen fühlte. Zudem fiel der Todestag mit dem Einzug zusammen, erzählt ein Hausbewohner. Mit Pioniergeist wurde das Leben im Haus organisiert. Dazu gehörten wöchentliche Plena, gemeinsame Kassen, Küchendienst und ein Weckdienst für die Schüler.

1974 wurde der Nutzungsvertrag wiederum nur für ein Jahr verlängert und gleichzeitig nahmen die Repressalien durch die Polizei zu. Im Rahmen der Entfühnung des CDU-Politikers Peter Lorenz durch ein Kommando der Bewegung 2. Juni im März 1975 stemmten 400 mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten das Haus und verwüsteten es auf der ergebnislosen Suche nach dem Politiker. "Etwa drei Hundertschaften Bereitschaftspolizei zwei Wasserwerfer, Hundestaffeln und Speziaieinheiten standen vor unserem Haus. Mit entsicherten Maschinenpistolen und Pistolen besetzte die Polizei die vier Etagen unseres Hauses. Nach alter Manier wurden wieder einmal nicht unsere Schlüssel benutzt, sondern Türen mit Äxten und Brecheisen aufgebrochen. Im Fotolabor wurden ohne sichtlichen Grund Geräte zerstört. [...] Als um fünf Uhr das Wüten zuende war, notierten wir 25 zerschlagene Fensterscheiben, demolierte Türen und Fensterrahmen, drei zertretene Plattenspieler, zwei demolierte Waschmaschinen, ein demolierter Fernseher, ein Radio, ein Kassettenrekorder, zwei Spiegel, eine Autobatterie wurde mutwillig zerschlagen und 20 Jugendliche wurden festgenommen." (Gedächtnisprotokoll entnommen aus einer gemeinsamen Dokumentation der betroffenen linken Berliner Projekte zum Polizeiüberfall)

Das drastische Vorgehen der Polizei hinterließ einen Schaden, den die Bewohner mit 40.000 DM bezifferten. Die Springerpresse setzte dem Ganzen noch einen drauf - aus Medikamenten wurden "zwei Säcke voll Drogen" die im Stützpunkt der "anarchistischen Chaoten" entdeckt wurden. Bevor es zu einer gerichtlichen Verhandlung der Klage der SSB e.V. wegen der Zerstörung bei der Durchsuchung kam, bot der Berliner Senat eine "großzügige" Abfindung von 10.000 DM an und die Bauaufsichtsbehörde führte eine Begehung durch. Das Ergebnis war von vorneherein schon klar. Das Haus war wegen der Zerstörung nicht mehr bewohnbar. Doch durch die Proteste in der Öffentlichkeit mußte der Senat seinen Plan ändern. Die nächsten Schikanen begannen, als der Posten des Hausmeisters vergeben werden sollte. Die vom Haus gestellte Person wurde als Hausmeister vom Senat nicht akzeptiert. Das Bezirksamt beschloß nun als nächstes die "Betriebsschließung" des Hauses. Neuer Mieter sollte die Arbeiterwohlfahrt werden, die die Einrichtung zu einer Ausländerberatungsstelle ausbauen wollte. Zur selben Zeit standen sehr viele Hauser im Kiez leer.

Ein erneuter Versuch, dem "Problem" Tommy-Weissbecker-Haus Herr zu werden, wurde Ende 1975 gestartet. Der Senat drückte dem Haus eine Sozialarbeiterstelle auf. Die Stelle wurde letztendlich mit einer dem Haus nahe stehenden Sozialarbeiterin besetzt, so daß es keine größere Auswirkungen auf die Selbstbestimmung innerhalb des Hauses hatte. In der folgenden Zeit wurde das Haus häufiger Opfer von Polizeieinsätzen wegen Ruhestörung oder kleinerem Kaufhausdiebstahl. Bei einem klärenden Gespräch Über die Polizeipraxis, an dem der Senat und führende Beamte der Polizei teilnahmen, wurde ein Teilsieg errungen. Vor Polizeieinsätzen in Bezug auf das TWH mußte der Senat in Kenntnis gesetzt werden, der wiederum Kontakt mit dem Sozialarbeiter des Hauses aufnehmen mußte.

Im Jahr 1978 durchlebte Berlin die erste Welle von Instandbesetzungen und Räumungen von Häusern. Für das TWH hatte dies allerdings keine nennenswerten Folgen. Das Problem, mit dem hier gekämpft wurde, waren fehlendes Werkzeug und Baumaterialien für eine Renovierung und Beseitigung von Schäden. 1980 wurde deshalb ein Finanzierungsantrag gestellt, der mit der Forderung nach Einbeziehung und Mithilfe der Bewohner bei der Planung und Renovierung gekoppelt war. Nach zweijährigem Kampf mit der Bürokratie wurden letztendlich die Gelder bewilligt und die Renovierung konnte durchgeführt werden. Je nach Arbeitsverhältnis hatten die Bewohner bei der Renovierung mitzuhelfen. Sieben Jahre lang zogen sich die Arbeiten hin, bis alles fertig war. Ursprünglich war eine hauseigene Werkstatt geplant, um sich selber noch Ausbildungsplätze zu schaffen, aber das scheiterte an der Umsetzung. 1987 machte das Haus wieder einmal Schlagzeilen. Die meist arbeitslosen Bewohner schrieben einen Brief an den Ostberliner Oberbürgermeister Krack und baten ihn ihnen Arbeitsplätze und Lehrstellen zur Verfügung zu stellen, da es im Westen bei der Arbeitsmarktlage keine Chancen gebe. Dieser verwies sie allerdings an den Berliner Senat, der sich reichlich blamiert vorkam. Da wundert es eigentlich wenig, daß die Subventionen als Kulturprojekt bereits nach kurzer Zeit gestrichen wurden und auch ein Antrag auf eine ABM-Stelle ein paar Jahre später schnell verschwand. 1990 wurde die Hauskneipe Linie 1 eröffnet. Der nächste Höhepunkt in der jüngeren Geschichte des Hauses war der Geheimgig der amerikanischen Polit-HC-Combo Rage Against The Machine. Sie spielten für 10,- DM Eintritt. Insgesamt fanden bei der Tour nur 3 Geheimgigs statt.

Ein weiteres Problem des Hauses sind die lieben Nachbarn, die bei der kleinsten Lärmbelästigung sofort die "110" wählen und sich beschweren. Bisher verlief es allerdings für das Haus relativ glimpflich - bis das Bezirksamt bemerkte, was für ein gutes Druckmittel sie damit in der Hand halten. Bei erneuter Beschwerde über Lärmbelästigung drohte das Bezirksamt der Linie 1 mit Lizensentzug. Die Anwohner für sich zu gewinnen, hat das Haus schon mehrere Male versucht. Die Anwohner wurden zu Infoveranstaltungen geladen oder hatten Selbstdarstellungsbroschüren in ihren Briefkästen. Noch nicht einmal die VoKü wird genutzt, obwohl es gerade in dieser Gegend viele sozialschwache Anwohner gibt. Großes öffentliches Interesse herrschte zum 25jährigen Bestehen des Projektes. Eine Woche lang wurde gefeiert und über die Geschichte berichtet.

Bands, die Interesse haben im TWH zu spielen, können sich im Büro melden.

Tomas-Weissbecker-Haus, Wilhelmstr. 9, 10963 Berlin

Haus-Büro (10-14h): Tel: 2512943
Saal-Büro (Mo, Di, Do. 16-20h): Tel: 2518539

Regelmäßige Termine:
VoKü von Montag bis Donnerstag;
Dienstag Punkrocktresen in der Linie 1 (mit billigen Getränken);
jeden 1. Freitag im Monat Ska/Soul-Nighter in der Linie 1

Chaos Maurice