Jürgen Trittin

Solidarität schafft Sicherheit - Ausgrenzung ist kriminell


Rede zur Eröffnung des Ratschlags Bürgerrechte - Demokratie - Öffentliche Sicherheit am 17./18.10.97 in Köln

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde!

GRÜNE Programmdiskussionen haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. So einfach kann man Programme gar nicht halten, daß sie nicht verblödet werden können. Als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ihr letztes Wahlprogramm in Mannheim beschlossen, verlangten sie unter anderem die Abschaffung der Wehrpflicht und eine Legalisierung weicher Drogen. Am Tag drauf echote die Bild-Zeitung:

  • Grüne: Bundeswehr abschaffen - Haschisch für alle

Man könnte darüber lachen - wenn es nicht so viele Menschen gäbe, die das glauben. Und das sind nicht nur JournalistInnen. Es wurde auch in weiten Teilen der Partei geglaubt - je nach Verortung - entweder begeistert oder empört kommentiert.

Deshalb führt der Bundesvorstand vor der Wahl 98 zu jedem wichtigen Politikfeld Ratschläge durch und hat der Partei für die Programmdiskussion fast doppelt so viel Zeit gegeben wie 1994.

Ob es hilft, diesen Mechanismus zu durchbrechen, muß bezweifelt werden. Der erste Entwurf eines Wahlprogramms (der erste von dreien) enthält erneut die Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht, sogar reformpolitisch zugespitzt: was heißt das für die Mannschaftsstärke der Bundeswehr? Weniger als 150.000 Mann in vier Jahren. Ergebnis in der Berichterstattung: Grüne wollen die Bundeswehr abschaffen. Und wieder glauben es auch viele Parteimitglieder.

Heute hier in Köln steht nun der zweite Teil der Losung, die Forderung Haschisch für alle auf der Tagesordnung. Obwohl es im Bundesvorstand zwei überzeugte Cabernet-Sauvignon-User gibt, fand diese Forderung Eingang in das Programm. Für die, die nur daran interessiert sind, sie findet sich auf der Seite 50 in den Zeilen 16-21.1)

Genug der Ironie. Von Bürgerrechten, Demokratie und öffentlicher Sicherheit zu sprechen, heißt vom Zustand dieser Gesellschaft zu sprechen. Die Bundesrepublik Deutschland 7 Jahre nach der Vereinigung ist in einem schlechten Zustand.

  • Wie eine Gesellschaft mit Fremden umgeht, wie sie ihre Minderheiten behandelt, ist ein Gradmesser ihrer politischen Kultur. Daran gemessen ist der Zustand der Berliner Republik erbärmlich.

Dieser bittere Befund läßt sich vielfach belegen.

Es gibt ein anhaltend hohes Maß rassistischer Straftaten. Die Zahl der dabei auffälligen 'Einzeltäter' hat sich vervielfacht. Hoyerswerda, Lübeck sind nur die Mahnmale eines gewalttätigen Rassismus, der sich samstags in vielen Städten nicht nur Ostdeutschlands regelmäßig und ritualhaft entlädt.

Aber es ist nicht nur der kriminelle Terror der Skins, es sind nicht nur die anhaltend hohen Wählerzahlen für Rechtsradikale die uns erschrecken. Das eigentlich Erschreckende ist:

  • Die Politik der Ausgrenzung von Menschen ist in Deutschland inzwischen institutionalisert worden. Es gibt in Deutschland einen institutionalisierten Rassismus.

Es ist institutionaliserte Ausgrenzung, wenn 7 Millionen Bürgern, die elementarsten Bürgerrechte vorenthalten werden, weil sie die 'falsche Abstammung' haben, weil sie das 'falsche Blut' haben. Unser Staatsangehörigkeitsrecht knüpft aber immer noch an scheinbar biologischen Merkmalen an.

  • Deutsch ist doch kein genetisches Merkmal (auch kein genetischer Defekt).

Ich rede davon, daß die gleichen Parteien, die scheinheilig die angeblich gestiegene Ausländerkriminalität beklagen, gerade wieder daran gegangen sind, Arbeitsverbote für Asylbewerber zu verhängen. Es ist institutionalisierter Rassismus, wenn Menschen, nur weil sie Flüchtlinge sind, das Existenzminimum gekürzt wird.

Ich spreche davon, daß die CDU, die verantwortlich ist für die höchste Arbeitslosigkeit in der deutschen Nachkriegsgeschichte, nun daran geht, die Verantwortung für 4,4 Millionen registrierte Arbeitslose, real sind es wohl über 6 Millionen, 250.000 Saisonarbeitern aus Polen zuzuschieben.

Ich spreche davon, wie in diesem Lande mit Flüchtlingen umgegangen wird - gerade und besonders mit denen, die vor dem mörderischen Krieg in Bosnien hierher geflohen sind. Ihnen wird bis heute der Flüchtlingstatus verweigert. Sie sind juristisch von Anfang an zur Ausreise verpflichtet gewesen. Sie werden bloß 'geduldet'. Und nun werden viele von ihnen nicht einmal mehr das.

Ich bin in Bremen aufgewachsen. Mein Bürgermeister hieß damals, Hans. Das hieß er auch noch, als wir gegen ihn demonstrierten. Das war kein Linker, aber Hans Koschnick war Hans, weil er ein aufrechter Sozialdemokrat und anständig war und ist.

Hans Koschnik, der mit seiner Person für den Frieden in Mostar steht, hat den Umgang Deutschlands mit den bosnischen Flüchtlingen auf den Punkt gebracht:

  • "Bei Flüchtlingen haben wir das Mobbing eingeführt."

Was anderes als Mobbing ist es, wenn Menschen, die wegen der Weigerung ihrer Heimatländer sie aufzunehmen, die nicht abgeschoben werden können, die Sozialhilfe mit der Begründung entzogen wird, sie könnten ja ausreisen? Ja wohin denn? Und ist es nicht eine Schande, daß es erst des Bundesverwaltungsgerichts bedurfte, um diese Praxis für illegal zu erklären?

Zum Skandal aber wird die Geschichte, wenn als Reaktion auf dieses Urteil Berlins Bürgermeister Diepgen erklärt, was schert mich das Gerichtsurteil, ich baue mir ein Gesetz, das mir die gerade als gesetzwidrig verurteilte Praxis erlaubt.

Herr Diepgen ist der Chef einer großen Koalition. Große Koalitionen sind Gift für den demokratischen Rechtsstaat. Große Koalitionen organisieren in der Regel den gesellschaftlichen mainstream. Sie grenzen Minderheiten aus.

In der Innen- und Rechtspolitik gibt es heute eine faktische Große Koalition. Herr Beck und Herr Beckstein haben in Amsterdam zum Beispiel eine europäische Visapolitik gemeinsam blockiert. Herr Schäuble hat zusammen mit Herrn Schröder und Herrn Lafontaine das Asylrecht 1993 abgeschafft. Der letzte Streich soll der Große Lauchangriff werden. In Deutschland, in dem in einem Ausmaß Telefone abgehört werden, wie nirgendwo in den USA, sollen jetzt auch Wohnung verwanzt werden.

  • BÜNDNIS 90/DIe GRÜNEN wollen die Große Koalition der Lauscher auf unsere Wohnungen verhindern. Die Chancen dafür sind mit dem Hamburger Wahlergebnis besser geworden.

Wenn es gelingt, dieses Schily con Kanther im Bundesrat zu verhindern, können wir uns um so mehr darauf einstellen, daß das Thema Innere Sicherheit im kommenden Jahr eine Rolle spielen wird. Helmut Kohl hat den "härtesten Wahlkampf aller Zeiten" angekündigt. Ich plädiere dafür, sich davon nicht einschüchtern zu lassen, sondern sich dieser Herausforderung offensiv zu stellen.

Es ist keine leichte Herausforderung, aber wir sollten die Chancen in dieser Auseinandersetzung erkennen. Vor allem sollten wir uns hüten, aus Angst vor diesen Themen dem gesunden Volksempfinden nachzurennen, das uns täglich in den Anzeigen für die Bild eingehämmert wird.

  • Wir haben aus Hamburg gelernt: Wer rechte Themen rechts besetzt, stärkt die politische Rechte.

Menschen in Deutschland haben Angst. Sie fühlen sich nicht sicher. Arbeitslosigkeit, Vereinzelung, zunehmender Leistungsdruck und wachsender Konkurrenzkampf prägen das Leben. Daraus resultieren rationale wie auch irrationale Momente der Angst und der Verunsicherung. Diese Ängste dürfen aber nicht noch durch populistische Sprüche angestachelt werden.

Die neuen Populisten haben ein einfaches Schema. Das Böse kommt von außen, es ist das Andere, das Fremde. Arbeitslosigkeit, Kriminalität all diese Probleme werden externalisiert: der Versicherungsbetrüger, der Ladendieb ist immer der andere.

Wir stehen mit unseren Politik damit vor einem Problem, denn es ist bequemer, das zu glauben, als den Tatsachen ins Auge zu sehen.

  • Unsicherheit und Bedrohung kommen nicht von außen, sie sind hausgemacht.

Der Illusion, durch eine Politik der Abschottung und Ausgrenzung die Gesellschaft wieder sicher zu machen, müssen wir realitätstaugliche Lösungsvorschläge entgegensetzen.

  • Die Bundesrepublik braucht ein unneurotisches Verhältnis zur Wirklichkeit. Eine an Toleranz und Solidarität ausgerichtete Gesellschaft ist weder permissiv noch blauäugig. Integration setzt den Respekt vor der Verschiedenheit ebenso voraus, wie die Fähigkeit zum Konflikt.

Eine multikulturelle Gesellschaft zum Beispiel ist kein Nachbarschaftsfest mit Döner und Bauchtanz im soziokulturellen Zentrum. Multikulturalität ist Konflikt und Auseinandersetzung über Gleichberechtigung, über gleiche Lebenschancen. Sie ist auch - siehe Stichwort Frauenrechte - ein Konflikt etwa über die Geltung der Grundrechte und die Universalität von Menschenrechten.

Ich will für eine grüne Innen- und Rechtspolitik drei Tatsachen benennen, die den Ausgang für unsere politischen Alternativen zur großen Koalition der Populisten bilden.

  • Deutschland ist ein Einwanderungsland. Es wird auch weiterhin Ziel von Migration, Wanderung und Flucht bleiben. Es kommt darauf an, wie wir sie organisieren.

Man kann doch nicht ignorieren, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der Herausbildung einer sogennanten vietnamesischen 'Zigarettenmaffia' und der Verweigerung von Aufenthaltsberechtigungen für die Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR.

Es ist doch unsinnig zu glauben, mit 7500 Grenzschützern an der polnischen Grenze tatsächlich illegale Zuwanderung unterbinden zu können. Im Zuge der Öffnung der EU nach Polen wird auch für Polen das Schengener Abkommen und damit ein Stück Freizügigkeit gelten.

  • Es gibt keine drogenfreie Gesellschaft. Es kommt darauf an, wie wir mit den Drogen umgehen. Und vor allem kommt es darauf an, wie wir mit den Süchtigen umgehen.

Wir müssen den Menschen klarmachen, daß nicht nur die offene Drogenszene einiger Großstadtbahnhöfe, sondern auch die größte offene Drogenszene beim Münchener Oktoberfest ein Problem für diese Gesellschaft ist.

Wir müssen den Menschen auch klarmachen, daß eine Politik der Verdrängung der Drogenszene in die Stadtviertel, die Probleme nicht beseitigt.

Es ist leicht aber auch verlogen von Zwangstherapie zu sprechen, gleichzeitig aber nicht einmal ausreichend Therapieplätze zur Verfügung zu stellen.

  • Es gibt keine Gesellschaft ohne Verbrechen. Es kommt darauf, an möglichst viele Verbrechen zu verhindern.

Eine Position der zero tolerance ist immer eine verlogene Position, die im Ergebnis darauf hinausläuft, lediglich vom mainstrem abweichendes Verhalten zu kriminalisieren, weil selektiv bestimmt wird, welches Verhalten mit zero tolerance belegt wird und welches nicht. Nur ein Beispiel: Zero tolerance meint, jeder Schwarzfahrer muß erkennungsdienstlich behandelt werden. Konsequent angewandt müßte jeder Autofahrer, der zu schnell fährt oder falsch parkt genauso zu behandeln sein.

Eine zero tolerance Politik führt dazu abweichendes Verhalten zu kriminalisieren, nicht aber Verbrechen zu sanktionieren.

  • BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen die Bundesrepublik sicherer machen. Solidarität schafft Sicherheit. Ausgrenzung schafft Unsicherheit und ist vielfach kriminell. Sicherheit ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik. Umgekehrt ist eine schlechte Sozialpolitik, schlechte Kriminalitätspolitik.

Die geplante Einsparung von AB-Maßnahmen in Ostdeutschland fördert die Jugendkriminalität. Verwahrlosung von Stadtvierteln, die zunehmende Verlotterung von Schulen fördern das Verbrechen. Ohne eine andere Drogenpolitik wird es keinen spürbaren Rückgang der Beschaffungskriminalität geben.

Die herrschende Drogenpolitik ist ein Programm zur Förderung der organisierten Kriminalität. CDU und CSU verhindern eine andere Drogenpolitik in Deutschland. CDU/CSU sind damit für gut die Hälfte der Wohnungsaufbrüche, für gut die Hälfte der Fahrzeugaufbrüche politisch und moralisch verantwortlich.

  • Wir brauchen nicht nur eine Legalisierung weicher Drogen, wir brauchen Sofortangebote für Ausstiegswillige, mehr Ersatzstoffprogramme, wir brauchen Fixerstuben und Druckräume und für viele Fälle auch die Abgabe von Heroin durch den Staat.

Dann macht es Sinn, offene Drogenszenen polizeilich zu schließen, auch zum Schutz der Süchtigen, die nicht nur Täter, sondern die Hauptopfer der dort begangenen Verbrechen sind.

Aber auch hier gilt: Auch eine andere Drogenpolitik wird das Verbrechen nicht zum Verschwinden bringen. Es wird auch weiterhin der Polizei und Justiz bedürfen, um begangene Straftaten aufzuklären und zu verfolgen.

  • Wir wollen, daß die Polizei schwerpunktmäßig auf die Verhinderung und Verfolgung dieser Straftaten konzentriert wird. Gewalt gegen Leib, Leben und sexuelle Selbstbestimmung ist nicht akzeptabel.

Wir wollen das staatliche Gewaltmonopol nicht zu einer Ware machen, die sich nur der leisten kann, der zahlungsfähig ist. Dafür bedarf es einer Effektivierung der Polizeiarbeit. Polizisten sind keine Erntehelfer auf den Dächern Berliner Altbauten bei der Cannabisernte, sie sind keine Protokollanten von Verkehrsunfällen und Kaufhausdiebstählen. Sie sollen als Spezialisten gut ausgebildet und bezahlt sein, sie sollen präsent und sichtbar sein, und sie sollen nicht in den Kasernen der Bereitschaftspolizei beim Warten auf den nächsten Castor-Transport rumlungern.

  • Korruption ist dabei die demokratische Basis der Gesellschaft zu unterhöhlen. Nicht erhöhte Strafandrohung, sondern mehr demokratische Transparenz müssen diese eindämmen.

Wir haben ein sehr ernstes Problem in dieser Gesellschaft: die ausufernde Korruption. Korruption gedeiht, wenn demokratische Kontrolle nicht mehr vorgesehen ist. Was wir brauchen, ist daher nicht nur ein Rotationsprinzip etwa für die Positionen, die über die Vergabe von Aufträgen in den Tiefbauämtern entscheiden. Wir brauchen ein Akteneinsichtsrecht und ein Verbandsklagerecht, mehr Möglichkeiten zur Partizipation und Bürgerbeteiligung. Auf diese Weise würde ein Teil der Korruption sehr viel effektiver bekämpft werden können.

  • Wir brauchen ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für Frauen. Wir brauchen die Anerkennung von Prostitution als Beruf.

In der öffentlichen Diskussion ist viel von Menschenhandel und der sogenannten Russenmaffia die Rede, weniger von der herrschenden Form der Doppelmoral. Es ist leicht sich mit Stammtischgerede über diese Verbrechen auszulassen, gleichzeitig aber mit einem Ausländerrecht dafür zu sorgen, daß Tatzeuginnen nicht nur umgehend abgeschoben, sondern auch erpreßt und zur Prostitution gezwungen werden können.

Das geltende Ausländerrecht begünstigt den Menschenhandel und sichert der organisierten Kriminalität die Profite. Deswegen brauchen wir ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für Frauen, deswegen muß Prostitution aus der Halblegalität rausgeholt werden.

  • Ein anderes Staatsangehörigkeitsrecht ist die Voraussetzung für Integration und Antidskriminierung.

Die Frage von Integration und Ausgrenzung ist der Punkt, an dem sich die Zukunft der Gesellschaft entscheidet. Verweigerte Integration schafft soziale Probleme und fördert die Straffälligkeit. Wir brauchen eine Politik, die sich der Tatsache stellt, daß wir ein Einwanderungsland sind, eine Politik, die auf Integration setzt, die Integration mit Ausbildung und beruflicher Qualifikation verbindet. Wir brauchen ein Staatsangehörigkeitsrecht, das den Menschen, die hier leben, die elementaren Grundrechte gewährt. Ein neues Staatsbürgerschafstrecht wird für uns ein zentrales Projekt, wenn es zu anderen Mehrheiten auf Bundesebene kommt.

  • Eine individualisierte Gesellschaft lebt von Pluralität von Lebensentwürfen. Pluralität setzt aber die Abwesenheit von Diskriminierung voraus.

Mit der Veränderung der Arbeitswelt ist die Auflösung der traditionellen Lebensformen einhergegangen. Andere Formen von Solidarität und Gemeinschaft und neue Formen des Zusammenlebens haben sich entwickelt. Diese Lebensentwürfe müssen ohne Diskriminierung gelebt werden können. Deswegen brauchen wir nicht nur ein Antisdiskriminierungsgesetzt, sondern eine gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung der unterschiedlichen Lebensformen unabhängig von sexueller Orientierung. Dazu gehört auch das Recht auf Eheschließung lesbischer und schwuler Paare.

Seit dieser Woche haben wir einen Bundeskanzler mit einem selbaufgebrachten kw-Vermerk. Mit der Ausrufung seines Nachfolgers Wolfgang Schäuble hat sich Helmut Kohl selbst als künftig wegfallend definiert. Damit aber geht die CDU nicht nur mit zwei Kanzlerkandidaten ins Rennen. Sie geht auch mit zwei Koalitionsaussagen in die Wahl. Einer proklamierten und einer tatsächlichen. Verbal wird die FDP hochgehalten, real wird die Große Koalition vorbereitet. Eine große Koalition, die es in der Innenpolitik, in der Flüchtlingspolitik faktisch schon lange gibt.

Bei der Bundestagswahl 1998 geht es damit um eine klare Alternative. Entweder es gibt eine große Koalition unter Führung der CDU oder es gibt einen politischen Neuanfang mit Rot-Grün.

  • In der Gesellschaft geht es aber um eine Grundentscheidung. Es geht um Ellenbogen oder Solidarität.

Einen weiteren Marsch in die Ellenbogengesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt, darf es nicht geben.

  • Für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sind Solidarität und Gleichberechtigung, der Schutz von Bürgerrechten und die Erweiterung der Demokratie die Schüssel für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.

Hierfür hat der Bundesvorstand einen Programmentwurf vorgelegt. Er wurde von Katrin Göring-Eckardt koordiniert. Angesichts der Vielzahl einzubindender Personen aber auch der vorhandenen Widersprüche - etwa zwischen unseren FeministInnen und engagierten StrafverteidigerInnen bei der Sicherungsverwahrung, oder die gegensätzlichen Optionen der Christen bei den Grünen und unserer Atheisten, welche geradezu exegetische Fähigkeiten erforderten - war das eine ebenso schwierige wie zeitaufwendige Arbeit. Deshalb der besondere Dank an Dich, Katrin.

Ein ausdrücklicher Dank aber auch an jene, die in den Bundesarbeitsgemeinschaften, in den Landtagsfraktionen, in der Bundestagsfraktion hieran mitgewirkt haben. Das vorgelegte Ergebnis beschreibt einen vorläufigen Konsens. Ich hoffe dieser ist des Streits wert. Dafür wünsche ich Ihnen, dafür wünsche ich uns auf dem heutigen und morgigen Ratschlag spannende Diskussionen.


1) "Haschisch und Alkohol sind vergleichbare Suchtmittel. Um die Märkte für harte und weiche Drogen zu trennen und so die Organisierte Kriminalität wirksam bekämpfen zu können, for-dern wir die Legalisierung weicher Drogen wie Haschisch nach den gesetz-lichen Schutz-Vor-schrif-ten für Alkohol und ihre Freigabe für den Eigenkonsum sowie die Möglichkeit der staatlich kontrollierten Abgabe harter Drogen und Ersatzstoffe durch Ärzte an Süchtige. Die Drogenab-gabe an Kinder und Jugendliche muß verboten bleiben."



http://www.gruene.de/trittin/texte/rdinn01.htm