Wir Kellerkinder

Als die Hakenkreuzschmierereien bei uns zum zweiten Mal begannen, kam mir die Idee. Man sprach von einer neonazistischen Welle in Deutschland. Da hab ich mir gesagt: Ist das Neofaschismus? Wenn die Söhne den Vätern Hakenkreuze an die Tür malen? Das doch nur 'ne Bekanntmachung. Weiter nichts. So entstand mein erster Film: Kellerkinder

von Wolfgang Neuss - Regie: Andrej Kaminsky

Macke Prinz hat einen Jazzkeller. Als Kind hat er dort gewohnt, mit seiner Familie. Dann sind alle nach oben gezogen in die Wohnung der jüdischen Familie Friedländer - die ist ganz ohne Zwang raus - und Macke hatte seinen ersten Probenkeller. Während der ganzen Nazizeit versteckte sich dort unter ‘ner Bohle ein Kommunist, danach dann sein Vater vor den Entnazifizierern. Als beide voneinander erfahren, kriegt Macke zwei in die Fresse und wird darüber irre. In der Irrenanstalt trifft er Arthur und Adalbert. Arthur kommt aus Frankfurt an der Oder, hat ein Problem mit den Roten, die sich von den Braunen nicht unterscheiden. Adalbert mutierte im Münchener Hofbräuhauskeller vom Toilettenmann zum Adolf Hitler, weil alle da unten wieder nach dem Führer riefen. Macke kann Geschichten erzählen, jazzen, demonstrieren und irre sein. Ein ideales Jazztrio.

Wir Kellerkinder

Eine deutsche Satire von Wolfgang Neuss

Inhalt des Stückes:
"Wir Kellerkinder" ist die Geschichte von Macke Prinz, der während des Krieges in einem Keller den Kommunisten Knösel vor den Nazis, und nach dem Kriege seinen Vater vor der Entnazifizierung versteckt.
Der "Retter in der Not" wird für seine Heldentat mit Prügel von beiden Seiten belohnt und landet in einer Heilanstalt für "Nichtangepaßte". Dort trifft er den Toilettenmann Adalbert, der sich manchmal für Adolf Hitler hält, und Arthur, der sich für einen "verdienten Jazzer des Volkes" hält, dessen
"Modern Marx Quartett" aber bei der "sozialistischen" Ordnungsmacht des Nachkriegsstalinismus aneckt.

1960 entstand der Film "Wir Kellerkinder", der auch heute noch als
"Meisterstück politischer Satire" gilt.

Jünemann hat aus dem Filmstoff ein Ein-Personen-Stück geformt, das er mit
Regisseur George Isherwood, vielen u.a. durch seine Arbeit mit dem
N.N.-Theater bekannt, kongenial umsetzen konnte.
Frappierend ist dabei, wie aktuell der Stoff auch heute noch ist: Auf der einen Seite ein intelligentes Panoptikum der Geschichte Deutschlands in und nach der Naziherrschaft, wirft das Stück auch amüsante Blicke voraus, zeigt menschliche Verhaltensweisen, die genauso gut vor oder nach der "Wende" so stattgefunden "haben hätten können".

Presse-Stimmen:
"Mit Pauke und Jungvolkuniform gelingt es Jünemann aber nicht nur, den naiven halbwüchsigen Macke glaubhaft darzustellen. Er vermag darüber hinaus, in permanentem Rollenwechsel auch die übrigen Personen lebensnah zu skizzieren und macht damit das Ganze ... zu einer recht kurzweiligen Angelegenheit. Daß dabei weniger Zwerchfellerschütterung als schmunzelnde Rührung und zuweilen sogar Nachdenklichkeit erzeugt wird, ist sicherlich kein Manko ..."
(Kölnische Rundschau)

Hinweis:
Didi Jünemann
1952 geboren in Göttigen. Mit 18 Jahren Kleindarsteller am Düsseldorfer Schauspiel unter Maximilian Schell. Nach der Premiere und der Abreise Schells strich der Intendant ihm alle Texte. Abitur. Gründung einer freien Theatergruppe. Kurz vor der Premiere des ersten Stücks wurde er zu ganzen 8 Wochen Bundeswehrkarriere eingezogen, danach Zivildienst. Hochschulstudium, 6 Jahre Sonderschullehrer. Als Kabarettist "Laut und Lästig, Mitglied der "KölnerStunksitzung", Hörfunk u.a. für den WDR u.a.m. Jürgen Becker. Spielt als Schauspieler "Mephisto" in der NN-Theater Version von Goethes Faust. Filmschauspieler neben Joachim Krol in "Zugvögel". Der Film erhielt das deutsche Filmband in Silber 1998. Im Fernsehen unter anderem "Missionswerk Rheinischer Frohsinn". Fußballnarr Jünemann kommentierte als "Spieler Jünemann", der Mann mit der Nummer 23, WM und EM im ARD-Morgenmagazin.

Text(verantw.): Rolf Schramm

Eine Bürgerhaus Stollwerck Produktion
theaterszene-koeln

Autor:
Wolfgang Neuss

Regie:
George Isherwood

Schauspieler:
Didi Jünemann


www.theaterszene-koeln.de/


20. März 1998

Helden sind verrückt: "Wir Kellerkinder" im Freien Schauspiel

Wolfgang Neuss ist nicht zu kopieren, aber das ist auch das einzige, was man gegen die Aufführung "Wir Kellerkinder" im Freien Schauspiel einwenden kann. Dort gastiert der Schauspieler und Kabarettist Didi Jünemann aus Köln, der unter der Regie von George Isherwood den 1960 entstandenen Film des Berliner Schauspielers und Kabarettisten Neuss zum virtuosen Ein-Personen-Stück umformte.

Im engen Keller des Freien Schauspiels hat sich Jünemann zwischen Kartoffeln, Kohlenschippe und Cola-Flaschen wohnlich eingerichtet. Versatzstücke vom Spielzeugbomber bis zum Plattenspieler illustrieren 22 Jahre deutsche Geschichte. Das Kellerkind Macke hat 1938 einen Kommunisten im Keller und nach dem Krieg im selben Loch seinen Vater vor der Entnazifizierung versteckt. Diese doppelte Heldentat bringt ihn in die Klapsmühle. Dort trifft er andere "Nichtangepaßte", deren Bewährungsproben im richtigen Leben mehrfach erfolglos bleiben. Denn die von früher sitzen schon wieder auf den entscheidenden Posten.

In einem fulminanten Kraftakt spielt Jünemann alle Figuren des Films, die er bis in die Nuancen perfekt charakterisiert: der zackige Nazi, der humane Kommunist, die erotisch unterversorgte Nachbarin. Trocken kommentiert er das Geschehen und spießt in dieser "deutschen Satire" gesamtdeutsche Verhaltensweisen auf, die sich bis heute kaum verändert haben. Ortrun Egelkraut


. Ortrun Egelkraut


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